Gambia – von anonymen Hotelburgen zu intensiven Begegnungen mit Land und Leuten

FAIReise mit uns – in 30 Tagen um die Welt!  Station 2

Auf der Suche nach mehr Nachhaltigkeit im Tourismus begeben wir uns in diesem Jahr auf eine virtuelle Reise um die Welt. Auf 5 Kontinenten werden wir Halt machen und euch ein lokales Projekt vorstellen. 
Von der ersten Station in Ecuador reisen wir weiter über den Atlantik nach Afrika! Auf der anderen Seite des Ozeans halten wir in einem kleinen Land, welches umschlungen von Senegal ist. Auf geht’s nach Gambia!


Unsere Themen:

Gambia, wo genau liegt das denn nochmal?

Mit einer Küstenlänge von nur 80 Kilometern liegt Gambia, umschlossen von Senegal, an der westafrikanischen Küste. Das Land erstreckt sich rund 480 Kilometer am gleichnamigen Fluss entlang und ist nur 10 bis 50 Kilometer breit. Das macht Gambia zum kleinsten Staat des afrikanischen Festlandes. In Gambia leben zahlreiche verschiedene Ethnien – und so werden neben der Amtssprache Englisch zwanzig weitere Sprachen gesprochen. Die Einwohner*innen in dem kleinen Land müssen also ganz schön polyglott sein!

Just Act und Mama Africa für nachhaltigen Tourismus in Gambia

Bei der zweiten Station unserer virtuellen Reise werden wir euch diesmal sogar zwei Projekte vorstellen, die sich für einen nachhaltigen Tourismus in Gambia einsetzen.

Willkommen in Janjanbureh! Hier ist der Stützpunkt von „Just Act“ – Janjanbureh Uniting Sustainable Tourism and Community Training. Just Act setzt sich für eine gemeinschaftliche Entwicklung und für das Empowerment der lokalen Bevölkerung ein. Dabei liegt der Fokus auf ländlichen Regionen mit wenig Bildungszugang.

Touristinnen bei einer Führung mit lokalen Touristenführer*innen (Foto: Just Act)

Hier geht’s zu Just Act:
https://www.justactgambia.org/
https://www.facebook.com/justactgambia/

Isha Fofana in ihrer Art Residency (Foto: Facebook/MamaAfrica)

Als zweites möchten wir euch das Projekt “Mama Africa” vorstellen, welches im Gegensatz zu Just Act direkt an der touristischen Küste Gambias in Tanji liegt. Mama Africa wurde von der international bekannten gambischen Künstlerin Isha Fofana, die sich vor allem für die Selbstbestimmung der afrikanischen Frauen einsetzt, gegründet. Ihre „Art Residency“ bietet einen einzigartigen Urlaubsort für Tourist*innen, der die Kunst mit der Kultur Westafrikas verbindet.

Neugierig geworden? Hier geht’s zu Mama Africa:
https://mama-africa-gambia.org/
https://www.facebook.com/Mama-Africa-Art-Residence-Art-Center-Gambia-1711704182467354/?ref=page_internal

Just Act – eine sichere Einkommensquelle für junge Leute in ihrer Heimat

In den 1990er-Jahren nahm der Tourismus im Landesinneren durch mangelnde Investitionen drastisch ab, was dazu führte, dass viele Gambianer*innen ihre Heimat auf dem Land verlassen mussten, um Arbeit an der touristischen Küste zu suchen. Just Act hat sich als Ziel gesetzt, den Tourismus im Landesinneren, in Janjanbureh, nachhaltig wiederzubeleben. Um dieses Ziel zu erreichen, wird großer Wert auf die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung gelegt, insbesondere der jungen Menschen der Region.

Touristinnen bei einer Führung durch Janjanbureh (Foto: Just Act)

Für unsere Organisation ist es sehr wichtig, jungen Leuten die Bedeutung des kulturellen Erbes und der kulturellen Traditionen zu vermitteln sowie sie in die Tourismusentwicklung zu involvieren.

Omar Jammeh, Direktor von Just Act, im Interview mit der NFI

Um der Landflucht entgegenzuwirken, bietet Just Act den Einheimischen eine fundierte Ausbildung und somit auch einen Arbeitsplatz als lokale Touristenführer*innen in ihrem Heimatort an. Mit den einheimischen Tourguides erhalten die Besucher*innen einen authentischen Einblick in die Lebensweise der Gambianer*innen. Zudem werden Tourist*innen über diese Projekte von der überfüllten Küste ins Landesinnere geleitet und die Einwohner*innen können vom Tourismus in ihrem Heimatort profitieren.

Touristinnen bei einer Führung durch Janjanbureh (Foto: Just Act)

Das Ziel ist, eine Interaktion durch kulturellen Austausch zu schaffen. Den Gastgeber*innen ist es dabei wichtig, dass ihre Kultur, ihre Traditionen und ihre Umwelt weiter respektiert werden. Sie wollen ihre Werte und Normen leben, ohne ihre Kultur zu kommerzialisieren.

Davon haben uns auch Mariama und Muhammed, zwei junge Tourguides berichtet:

Der Hauptgrund, weshalb ich mich entschieden habe, eine Touristenführerin zu werden, war, einen Beitrag zur Bewahrung der schönen Kultur und des Kulturerbes meines Heimatlandes zu leisten. Als Botschafterin kann ich positiv über meine Heimat berichten – und damit habe ich auch einen sicheren Arbeitsplatz, was ebenfalls besonders wichtig für mich ist.

Mariama, Touristenführerin bei Just Act

Das Interesse an der Geschichte und Kultur seines Heimatlandes und die Möglichkeit, diese Tourist*innen näherzubringen, war auch einer der Beweggründe von Muhammed, Touristenführer zu werden …

„ … und natürlich auch die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz zu finden, um das Einkommen meiner Familie aufzubessern.”

Das Ziel der Ausbildung ist, einen so genannten „Community Based Tourismus“ aufzubauen, der gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt wird. Im Rahmen der „Community Tours“ können die Tourist*innen mit der Region, mit der Kultur und mit den Menschen interagieren.   
Wir haben uns gefragt, wie die Ausbildung für die jungen Tour Guides aussieht:

Ich habe eine gestraffte Ausbildung absolviert, die sich in Theorie und Praxis aufteilen ließ. Die Theorieausbildung dauerte fünf Tage und ging täglich von 8 Uhr bis 17 Uhr.  

Mariama, Touristenführerin bei Just Act

Und die Ausbildung hat auch enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft, wie uns Muhammed, Touristguide bei Just Act, erzählt:

Im Rahmen der Ausbildung hat sich innerhalb der Gemeinschaft ein großes Vertrauen aufgebaut. Mein soziales Leben und alle Interaktionen zwischen mir und der Gemeinschaft haben sich seit Beginn meiner Ausbildung vertieft.

Um den Tourismus im Landesinneren zu beleben, hat Just Act neue Pläne für die Errichtung von Eco Lodges und der Entwicklung nachhaltiger Reiseangebote entwickelt. Bootstouren entlang des Flusses bieten den Tourist*innen einen Einblick in die Kultur- und Naturschätze Gambias. Dabei können Tourist*innen in Unterkünften übernachten, die von Einwohner*innen betrieben werden.

Touristen*innen bei einer Tour durch Janjanbureh (Foto: Just Act)

Auf Initiative von Just Act wurde das traditionelle Kankurang-Festival nach mehrjähriger Unterbrechung wieder ins Kulturprogramm Gambias aufgenommen – ein wichtiger Beitrag zum Erhalt dieses kulturellen Erbes. Zudem lockt das Festival natürlich auch zahlreiche Besucher*innen in die Region, die dann von den jungen Touristenführer*innen empfangen werden können!

Ein Eindruck von dem Kankurang-Festival (Foto: Dieter Pfeifle)

Mehr Informationen zum Kankurang-Festival:
Beitrag im respect_NFI-tourism_LOG
https://tourismlog.respect.at/?s=kankurang
Trailer zum Janjanbureh Kankurang-Festival
https://www.youtube.com/watch?v=mhqjMw_J5TU
 
Hier geht´s zu einem ausführlichen Interview mit Omar Jammeh
, dem Direktor von Just Act: https://tourismlog.respect.at/day-7-fairtravelling-landscape-of-the-year-senegal-the-gambia/#Deutsch

Mangrovenwälder gegen die Auswirkungen des Klimawandels in Gambia

Die Auswirkungen des Klimawandels, wie Dürre und Überschwemmungen, haben dazu geführt, dass ganze 50% der Mangrovenwälder in Gambia vernichtet wurden. Damit haben viele Menschen eine wichtige Nahrungs- und Einkommensquelle verloren – denn die Mangrovenwälder sind bekannt für ihren Fischreichtum. Zudem schützen sie die Ufer vor Erosion und speichern bis zu fünf Mal mehr CO2 als andere Bäume. Damit sind Mangrovenwälder ganz schön wichtige Akteure für den Klimaschutz!

Engagierte Gambianer*innen helfen bei der Pflanzung der Mangroven (Foto: Just Act)

Um einen Beitrag für Klimagerechtigkeit zu leisten, hat Just Act gemeinsam mit den Naturfreunden aus Senegal, mit finanzieller Unterstützung der NaturFreunde Deutschlands sowie den NF Landesverbänden Baden-Württemberg und Berlin, ein Projekt zur Aufforstung der Mangrovenwälder in Gambia und Senegal gestartet. Bis Anfang 2024 sollen neue Baumschulen errichtet werden und lokale Organisationsstrukturen, wie Stadtkomitees und Frauengruppen gestärkt werden. Die lokale Bevölkerung, welche mit großem Enthusiasmus mithilft, wird dabei geschult, die Bäume zu pflegen und zu schützen. Mit Umweltbildungsmaßnahmen an Schulen und Unis sowie die Förderung des Austausches von Schüler*innen aus Gambia und Senegal, werden die jungen Menschen über die Auswirkungen des Klimawandels und über die Bedeutung der länderübergreifenden Zusammenarbeit sensibilisiert.
Auf der Seite der NaturFreunde Deutschlands findet ihr weitere Informationen zur Mangrovenaufforstung: https://www.naturfreunde.de/naturfreunde-pflanzen-mangroven-fuer-klima-und-artenvielfalt

Kunst – die Menschen verbindet

Isha Fofana hat acht Jahre lang in Deutschland gelebt und währenddessen eine Kunstgalerie in Köln eröffnet. Bis heute werden ihre Werke in Europa ausgestellt. 2008 kehrte sie zurück in ihre Heimat und eröffnete die Kunstgalerie „Mama Africa” – nach einigen Rückschlägen im Jahr 2013, worauf wir weiter unten in „Die Kehrseite des Tourismus in Gambia” näher eingehen werden. Sie hat 2015 im Fischerort Tanji die „Art Residency Mama Africa“ aufgebaut, die neben einem Atelier und einer Manufaktur auch neun Gästehäuser, umgeben von einem exotischen Garten, umfasst.

Wir haben Isha Fofana gefragt, welche Bedeutung Kunst und Tourismus für sie haben:

Isha Fofana, die Künstlerin hinter „Mama Africa”

Ich betrachte Kunst und Tourismus als zwei Dinge, die als eine Einheit gesehen werden sollten. Beide gehen Hand in Hand und man kann Tourist*innen überall auf der Welt die verschiedenen Kunstformen und Kulturen näherbringen. Es gibt keinen besseren Weg, als die Kunst zu nutzen und beides zu kombinieren. […] Kunst bedeutet mir als Mensch und vor allem als Künstlerin sehr viel. Ich bin ein kreativer Mensch und es steckt so viel Energie in mir. Ich nutze die Kunst, um diese Energie zu interpretieren und mich durch sie auszudrücken.

Isha Fofona

Isha Fofana fühlt sich tief verbunden mit ihrer Kunst. Wenn sie malt, dann fühlt sie sich lebendig. Diese Leidenschaft möchte sie auch an die Gäste von Mama Africa weitergeben, indem sie die Art Residency täglich mit Kunst und Gartenarbeit neugestaltet:

Nichts motiviert mich mehr, als dieses Gefühl der Freude und Zufriedenheit in den Augen der Menschen zu sehen, die zu Besuch kommen oder für eine gewisse Zeit bleiben. Denn ich bin ein Mensch, der es als Verpflichtung ansieht, den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ich möchte vor allem der Gemeinschaft und den Menschen etwas zurückgeben können.

Ein Einblick in den Garten der Art Residency „Mama Africa“

Ihr Aufenthalt in Deutschland hat Isha geholfen, die Kultur, die Bedürfnisse und die Wünsche von europäischen Reisenden besser zu verstehen. Sie versuchte, die Perspektive einer Reisenden einzunehmen und nutzte dafür ihre Vorstellungskraft und Kreativität, um so etwas Einzigartiges wie die Art Residency Mama Africa zu schaffen.

Mehr Informationen
https://tourismlog.respect.at/day-8-fairtravelling-landscape-of-the-year-senegal-the-gambia/#Deutsch

Die inspirierende Kraft der Frauen in Afrika

Ich beschloss, aus Deutschland nach Hause zurückzukehren, um Frauen zu inspirieren, die nie wirklich daran glaubten, Künstlerin werden zu können, da dies in Gambia damals ein absolutes Tabu für Frauen war.

Isha Fofana
Touristinnen lernen den Alltag gambianischer Frauen kennen (Foto: Mama Africa)

Isha Fofana möchte den Reisenden nicht nur die afrikanische Kunst und Kultur näherbringen, sondern sie auch von der inspirierenden Kraft der afrikanischen Frauen überzeugen. Der Fokus der angebotenen Kulturpakete für die Tourist*innen liegt auf der Vermittlung von Einblicken in den Alltag der Frauen in Gambia. Man kann zwischen einem ein- und zweiwöchigen Aufenthalt in der Art Residency wählen. Dabei gibt es unterschiedliche Programmpunkte, die einen Einblick in den Alltag der Frauen geben sollen. Neben den zahlreichen Ausflügen, Workshops und Aktivitäten kann man mit Frauen ins Gespräch kommen. Hierfür können Tourist*innen einen Frauengarten besuchen, wo man sich über verschiedene Themen austauschen kann. Die Reisenden erfahren etwas über das Familienleben und die Familienplanung in Gambia, über die Ausbildung der Mädchen und ihre Perspektiven, Sorgen und Wünsche für die Zukunft. Mama Africa ist außerdem ein gemeinnütziger Verein, der Frauen und Mädchen in verschiedenen Lebenssituationen unterstützt. Neben der Bildung ist die wirtschaftliche Selbstbestimmung wichtig für ein erfülltes Leben. Aus diesem Grund beschäftigt Mama Africa mehr als 50 Gambianerinnen. Hier haben sie die Möglichkeit, ein Teil des Projektes “Girls in Art” zu werden.

Tourist*innen bei einem Workshop (Foto: Facebook/MamaAfrica)

Die Kehrseite des Tourismus in Gambia

Im Jahr 2013 wurde die Kunstgalerie und das Museum “Mama Africa Women’s Gallery”, welche Isha Fofana nach ihrer Rückkehr aus Deutschland in Gambia aufgebaut hat, von staatlichen Behörden beschlagnahmt und ohne Begründung zerstört. Isha kämpfte ein Jahr lang für ihre Rechte, wurde bedroht und musste sogar nach Deutschland zurückkehren. Als Entschädigung wurde ihr schließlich ein Grundstück überlassen, auf dem sie dann zwei Jahre später die heutige Art Residency errichten konnte. In einem Interview mit The Gambia Times sagte Isha:

Es ging nur darum, ein Gebäude abzureißen, aber nicht um die Künstlerin.

Ein Einblick in die Art Residency „Mama Africa“ (Foto: Mama Africa)

Diese Einstellung half ihr dabei, an ihrem Traum festzuhalten und trotz des Rückschlages weiterzumachen. So konnte sie Mitte 2018 ihre Art Resideny auf dem neuen Grundstück eröffnen, um weiterhin Menschen mit ihrer Kunst zu inspirieren und sich für die Selbstbestimmung und Förderung der Frauen einzusetzen.
Solche behördlichen Maßnahmen sind in Gambia kein Einzelfall. In den 1970er-Jahren wurde ein Strategiepapier für den Tourismus erstellt. Dies wurde allerdings nicht von den Gambianer*innen selbst beschlossen, sondern von ausländischen Berater*innen und Investor*innen, die Gambia als Winterdestination für den globalen Norden vermarkten wollten. Von den 60 Kilometern Strand wurden 40 Kilometer zur Tourismusentwicklungszone. Dort wo Fischer*innen zuvor ihren Lebensunterhalt sichern konnten und wo Frauen Gemüse und Reis anbauten, stehen jetzt moderne Hotelanlagen. Die Einwohner*innen wurden von der Küste vertrieben und erhielten keinerlei Entschädigung für ihr verlorenes Land.

Sowohl Just Act als auch Mama Africa wollen sich vom Massentourismus an der Küste von traditionellen touristischen Formen, die sich durch Sonne, Strand und Meer kennzeichnen, wegbewegen und dafür einen Tourismus anbieten, dessen Fokus auf der Natur und auf dem Kulturerbe Gambias liegt – einen Tourismus, der Menschen aus unterschiedlichen Regionen der Erde zu einem Austausch auf Augenhöhe zusammenbringen soll.

Wenn ihr noch mehr zu der Tourismusentwicklung in Gambia erfahren wollt:


Just Act – How did community based tourism arrive in Janjanbureh
https://www.justactgambia.org/post/how-did-community-based-tourism-arrive-in-janjanbureh

Auf zu neuen Ufern! Beitrag im respect_NFI-Infomail
https://www.nf-int.org/publikationen/info-mail/infomail-wissenschaft-ausgabe-01-april-2018#Medlung1

Gambia: Vom Kolonialismus zum Tourismus (auf der Seite von Tourism Watch)
https://www.tourism-watch.de/de/schwerpunkt/gambia-vom-kolonialismus-zum-tourismus

Interview mit Admah Bah über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Tourismus in Gambia
https://tourismlog.respect.at/covid-19-und-seine-auswirkungen-auf-den-tourismus-in-gambia-covid-19-and-its-impact-on-tourism-in-the-gambia/

Isha Fofana im Interview mit The Gambia Times
https://www.thegambiatimes.com/jammeh-demolished-only-a-building-but-not-the-artist-says-mama-africa/