Bosnien & Herzegowina: nachhaltiger Tourismus überwindet die Gräben des Krieges und schafft neue Perspektiven

FAIReise mit uns – in 30 Tagen um die Welt! Station 3
 
Auf der Suche nach mehr Nachhaltigkeit im Tourismus begeben wir uns in diesem Jahr auf eine virtuelle Reise um die Welt. Auf 5 Kontinenten werden wir Halt machen und euch ein lokales Projekt vorstellen.   

Nachdem wir uns bereits spannende nachhaltige Tourismusprojekte in Südamerika und Afrika anschauen konnten, begeben wir uns nun nach Europa. Im Westen des Balkans halten wir in Bosnien und Herzegowina. Einem Land mit einer spannenden und aufwühlenden Geschichte!

Unsere Themen:

Bosnien und Herzegowina, wo genau liegt das denn nochmal?

Bosnien und Herzegowina befindet sich in Südosteuropa auf der Balkanhalbinsel, östlich der Adria. Das Land wird fälschlicherweise oft nur als Bosnien abgekürzt. Bosnien ist eine Region im Norden des Landes, welche 80 Prozent der Gesamtfläche ausmacht. Die restlichen 20 Prozent lassen sich der Region Herzegowina im Süden zuordnen. Geopolitisch und historisch gesehen ist das Land etwas Besonderes in Europa. Es wird in die Föderation Bosnien und Herzegowina, in die Republik Srpska sowie in den Distrikt Brčko als Sonderverwaltungsgebiet eingeteilt. Wir schauen uns in diesem Monat einen historisch bedeutsamen Ort in der Republik Srpska an!

Srebrenica – The City of Hope

Willkommen in Srebrenica! Eine kleine Stadt, ganz im Osten an der Grenze zu Serbien, umgeben von atemberaubender und unberührter Natur. Zudem galt die Stadt mit ihrer Heilquelle vor dem Bosnienkrieg als einer der größten Kurorte der Welt und zog Tausende Kurgäste an.

Ausblick auf den Fluss Drina (Foto: Irvin Mujcic)

Durch den Krieg (1992–1995) geriet diese blühende Vergangenheit leider schnell in Vergessenheit. Srebrenica ging in diesem ersten bewaffneten Konflikt in Europa seit dem zweiten Weltkrieg mit einem grausamen Genozid in die Geschichtsbücher ein. Noch heute wird die Stadt fast ausschließlich mit Krieg und Schmerz assoziiert. Die Naturfreunde-Organisation „Prijatelji Prirode Oaza Mira“ (PPOM) hat sich mit dem Projekt „Srebrenica – City of Hope” das Ziel gesetzt, dieses Bild zu verändern. Mit verschiedenen Angeboten für Tourist*innen möchte die Organisation wieder auf die Schönheit ihrer Natur aufmerksam machen, den kulturellen Austausch fördern und damit für die Lebensweise der Einwohner*innen, die teilweise noch nach alter bogomilischer Tradition im Einklang mit der Natur leben, sensibilisieren.

Srebrenica hat sich bis heute nicht vom Krieg erholen können. Die Aktivitäten dieses Projekts können dazu beitragen, die Region wirtschaftlich zu stärken und neue Perspektiven für junge Menschen zu schaffen. Damit sollen auch die Beziehungen und der Dialog zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionen innerhalb des Landes gestärkt werden. „Prijatelji Prirode Oaza Mira“ stellt die Natur als wichtiges Bindeglied für die Versöhnung unter den Menschen in den Mittelpunkt. Außerdem soll durch die Sensibilisierung für die Geschichte und die Traditionen der Bogomilen wieder ein Zugehörigkeitsgefühl der Menschen entstehen.

Mehr Eindrücke findest du auf Facebook: https://de-de.facebook.com/srebrenicahope/

Ein Sadvran im Winter – eine Sommerhütte im traditionellen Baustil der Bogomilen (Foto: Irvin Mujcic)

Ein „Kind des Krieges“ kehrt zurück

Irvin Mujcic, Leiter der Naturfreunde-Organisation “Prijateli Pririode Oaza Mira” (Foto: Irvin Mujcic)

Wir führten ein Interview mit Irvin Mujcic, dem Leiter der Naturfreunde-Organisation „Prijatelji Prirode Oaza Mira“. Irvin ist ein „Kind des Krieges”. Er verlor seine Kindheit an den Krieg und musste als Kind mit seiner Mutter nach Italien fliehen. Dort wuchs er in einem kleinen Dorf in den Alpen auf. 2014 kündigte er seinen Job in Brüssel und entschloss sich, in seine bosnische Heimat zurückzukehren.

„Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt gefragt, was die Aufgabe meiner Generation sei.“

Irvin hatte durch seine Flucht das Glück, ein gutes Leben zu führen und viele positive Erfahrungen zu sammeln, während die in Srebrenica verbliebenen Menschen mit den Auswirkungen der Nachkriegszeit zu kämpfen hatten.

„In einem Krieg herrscht Solidarität zwischen den Menschen, ein starker Wille, für sein eigenes Leben zu kämpfen und sich gegenseitig zu helfen. In der Nachkriegszeit hingegen denkt jeder nur an sein eigenes Wohl.“

In seiner privilegierten Position sah sich Irvin verpflichtet, seine Ressourcen zu nutzen und einen aktiven Beitrag zu leisten, um in seiner Heimat etwas zum Positiven zu verändern.

„Durch meine Flucht nach Westeuropa konnte ich einen hohen Bildungsgrad erreichen, den ich dazu nutzen kann, etwas Neues in meiner Heimat aufzubauen und einen Neuanfang für die Region zu schaffen.“

Srebrenica soll mit dem Projekt „City of Hope” ein Lichtblick sein, der den Menschen zeigt, dass man trotz des großen Leides, das die Region erleben musste, zurückkehren kann, um friedlich zusammenzuleben und zu verstehen, dass der Reichtum der Menschheit in der Vielfalt und im gegenseitigen Respekt liegt.
 

Hier geht’s zu einem weiteren Interview mit Irvin: https://www.nf-int.org/ueber-uns/naturfreundinnen-im-gespraech#mujcic

Graffiti in Freiburg im Breisgau (Foto: Jacqueline Sitner)

Alte Traditionen als Grundstein für wirtschaftlichen Aufschwung und Völkerverständigung

Bei seiner Rückkehr im Jahr 2014 schnappte sich Irvin ein Zelt und erkundete seine alte Heimat. Jedes Wochenende wanderte er 200 bis 250 Kilometer in der Umgebung herum. Durch seine Entdeckungstouren hat sich sein Bild, welches von seinen Erinnerungen an den Krieg geprägt war, komplett verändert:

„Ich entdeckte atemberaubende Naturlandschaften. Man findet solche wunderschönen Orte in vielen Teilen Europas, aber keine davon sind so unberührt wie in Srebrenica. […] Die Natur hat sich die Region zurückgewonnen und es gibt nun vieles zu entdecken.“

Atemberaubende Landschaften in der Region Srebrenica (Foto: Irvin Mujcic)

Er erinnerte sich scherzhaft daran, dass er oft einfach planlos durch die Gegend wanderte und sich das eine oder andere Mal in einem alten Minenfeld wiedergefunden hat. Doch jedes Mal, wenn er den Weg aus den Augen verlor, traf er auf ein kleines Dorf, in dem die Menschen ihn mit offen Armen empfingen, nachdem sie sich erstmal wunderten, warum dieser Mann alleine durch den Wald spaziert.

„Ich sagte zu mir, dass es unmöglich sein kann, dass das einzige Bild, das von Srebrenica existiert, nur Krieg und Schmerz sei. Dabei gibt es so viel mehr. Alle Menschen, die den Krieg und den Genozid überlebten, leben heute im Einklang mit der Natur. Sie sind sehr gastfreundlich und haben keine Angst vor Fremden.”

Die Lebensweise der Dorfbewohner*innen basiert auf den Traditionen der Bogomilen. Die Bogomilen waren eine streng christliche Religionsgemeinschaft, die sich vom 10. bis zum 15. Jahrhundert auf der Balkanhalbinsel ausbreitete. Als das Osmanische Reich Bosnien und Herzegowina erreichte, konvertierten die meisten Bogomil*innen aus wirtschaftlichen Gründen zum Islam. Ein großer Teil ihrer Kultur ging verloren, doch die Offenheit und Gutmütigkeit der Menschen blieb fest in ihnen verankert.  

„Bosnier*innen sind sehr freundliche Menschen, unabhängig davon, ob sie orthodoxe Serb*innen sind, kroatische Katholik*innen oder bosnische Muslime und Muslimas. Wenn Tourist*innen ihre Dörfer besuchen, laden sie diese in ihre Häuser ein. Die Einwohner*innen bieten den Gästen Kaffee an, etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen. Diese Gastfreundschaft ist den Menschen trotz all den Identitätskrisen und Identitätswechsel geblieben.”

Irvin Mujcic
Tourist*innen erfahren die bogomilische Kultur bei einem gemeinsamen Essen (Foto: Irvin Mujcic)

Heute sind die Grabstätten der Bogomilen verwachsen und zerstört. Die Regierung kümmert sich nicht um ihre Instandhaltung und auch unter den Einwohner*innen gerät die Geschichte der Bogomilen in Vergessenheit. Irvin ist es wichtig, dass die Menschen über den historischen Hintergrund bescheid wissen. Durch die Bewahrung der Traditionen soll für die Menschen eine Identität und eine gemeinsame Basis zum Zusammenleben geschaffen werden. Das ist gerade jetzt wichtig, weil der Krieg in den Köpfen der Menschen noch sehr präsent ist.

„Es hat nie wirklich einen Schritt zur Versöhnung gegeben.”

Damit meint Irvin, dass die Einwohner*innen noch immer sehr geprägt sind von der Nachkriegszeit, dass die Kriegsgeschehnisse nicht aufgearbeitet sind und kein Versuch unternommen wurde, einen Versöhnungsprozess in Gang zu bringen. Es wird bis heute nicht offen über Verantwortung gesprochen, auch nicht seitens der Regierung. Irvin sieht die geschichtliche Aufarbeitung als wichtig für die Bewältigung des Traumas – und letztendlich begünstigt dies die Versöhnung und ein friedliches Miteinander.

„Es ist wichtig, den Menschen zu zeigen, dass es noch eine alternative Lebensweise gibt: Hand in Hand im Einklang mit der Natur zu leben.”

Irvin Mujcic

Die Natur und die Beziehung zur bogomilischen Kultur bildet also die Grundlage für den Versöhnungsprozess. Auch die Besucher*innen können dadurch einiges mitnehmen. Das Eintauchen in eine entschleunigte Lebensweise im Einklang mit der Natur hilft uns Menschen, eine Sensibilität für unsere Umwelt und den Klimawandel zu entwickeln. Denn laut Irvin distanzieren wir uns immer mehr von der Realität und verlieren den Bezug zu unserem natürlichen Lebensraum. Zurück zur Natur ist also das Motto.

Hier erfährst du mehr zur bogomilischen Tradition: https://srebrenicahope.wordpress.com/2019/05/05/first-blog-post/

Ein Stau auf bosnische Art (Foto: Irvin Mujcic)

Wanderrouten, die verbinden

Zusammen mit den italienischen Naturfreunden setzen „Prijatelji Prirode Oaza Mira“ erste nachhaltige Tourismusaktivitäten in Srebrenica um. Es wurden Trekking- und Wanderwege entwickelt, die die verschiedenen Dörfer miteinander verbinden. Dafür wurde ein großes Netzwerk von einheimischen Familien geschaffen, die sich alle tatkräftig an der Umsetzung beteiligten.

Tourist*innen bei einer Wanderung entlang des Drina Canyons beim Aussichtspunkt auf den Black Creek  (Foto: Irvin Mujcic)

In Srebrenica gibt es eine Gedenkstätte an den Völkermord. Sie wurde bereits vor dem Projekt von zahlreichen Besucher*innen aufgesucht, aber es waren in erster Linie Tagestourist*innen, die die lokalen Gasthäuser und Restaurants kaum besuchten.  

Das Projekt „Srebrenica- City of Hope” unterstützt den Aufbau eines Community Based Tourism, um den Gästen einen möglichst authentischen Einblick in die Kultur und Lebensweise der Einheimischen zu bieten und um den kulturellen Austausch zu fördern. So wurden Möglichkeiten geschaffen, bei Gastfamilien in Dörfern zu übernachten, an ihren Mahlzeiten teilzunehmen und lokale Veranstaltungen zu besuchen.

Tourist*innen bei einem gemeinsamen Essen (Foto: Irvin Mujcic)

Es gibt zahlreiche Wanderwege, die man auf eigene Faust erkunden darf, und man kann man auch geführte Wandertouren buchen. Auf der dreitägigen „Drina Wandertour“ beispielsweise lernt man die atemberaubenden Naturlandschaften entlang des Drina Flusses kennen. Und bei einem Aufenthalt in den Dörfern erfährt man auch viel über die Geschichte und Kultur der Bogomilen. Eine Bootstour auf dem Fluss und eine Übernachtung unterm Sternenhimmel dürfen bei diesem Programm natürlich auch nicht fehlen. Im Winter kann man diese Naturlandschaften auch mit Schneeschuhen ausgerüstet erkunden.

Wenn man keine Lust hat zu wandern, kann man auch auf einem Pferd durch die mit Schnee bedeckte Natur reiten. Wenn man weniger Zeit für einen Besuch einplant, kann man auch einen einfachen Besuch eines Dorfes buchen. Dort erlangt man einen authentischen Einblick in die Traditionen und die Kultur der Bogomilen. Auf einer Tour kann man Srebrenica und seine Heilwasserquellen erkunden.

Eine Pferdekutschenfahrt durch die Schneelandschaft (Foto: Irvin Mujcic)

Unweit von Srebrenica entsteht ein kleines Feriendorf mit Gemeinschaftsgebäuden und Freilufttheater. Alles wird im traditionellen bogomilischen Baustil errichtet. Dort sollen in Zukunft neben Tourist*innen auch einheimische Kinder aus einkommensschwachen Familien in Ferienlagern Urlaub machen können.

Ein traditionelles Sadvran wird gebaut (Foto: Irvin Mujcic)

Der Naturschutz darf bei den „Prijatelji Prirode Oaza Mira“ natürlich nicht zu kurz kommen. So wurden etwa verschiedene Umweltworkshops und Freiwilligenaktionen zur Säuberung von Grünflächen und historischen Denkmälern gestartet. Es gibt auch ein Programm für Schüler*innen, die im Rahmen des Besuchs der Gedenkstätte für den Völkermord über Menschenrechte in Verbindung mit dem Klimawandel informiert werden.
 
Na? Lust vorbeizuschauen? Hier findest du Details zu den Tourismusaktivitäten des Projekts: https://srebrenicahope.wordpress.com/

Eine Partnerschaft für eine friedliche Zukunft

Das Projekt „Srebrenica – City of Hope“ wird von den italienischen und insbesondere auch von den niederländischen Naturfreunden (NIVON) unterstützt. Srebrenica war während des Krieges eine UNO-Schutzzone, in der niederländische Blauhelme stationiert waren. Dennoch konnte das Massaker in Srebrenica geschehen. Im Rahmen einer Solidaritätsaktion hat NIVON Geld für die Restaurierung einer Wassermühle gesammelt, die klimafreundlich Strom für das Feriendorf erzeugen und Mehl für das Backen von Brot liefern wird. Irvin sind solche Partnerschaften besonders wichtig, denn aufgrund der Geschichte gibt es unterschiedliche Meinungen und Ressentiments zur Beteiligung der Niederlande an den Wiederaufbauprojekten in Srebrenica. Offene Kommunikation und Aufklärung über das Thema seien der Schlüssel für eine friedliche und nachhaltige Zukunft, ist Irvin überzeugt.

Hier geht’s zu einem Reisebericht von NIVON nach Srebrenica: https://www.naturfreunde.de/city-hope-oase-des-friedens

Junge Mitglieder von NIVON unterstützen bei der Restaurierung der Mühle (Foto: Irvin Mujcic)

Begegnungen auf Augenhöhe – Anekdoten von Irvin

Im Rahmen der Aktivitäten kommt es immer wieder zu großartigen Momenten und berührenden Begegnungen zwischen den Dorfbewohner*innen und den Besucher*innen. Irvin erzählt gerne vom Vorsitzenden der italienischen Naturfreunde. Dieser ist nämlich begeistert von dem Himbeerkuchen einer Dorfbewohnerin. Er kündigt sich jedes Mal einige Tage im Voraus an, damit er sich bei seinem Besuch über frisch gebackenen Himbeerkuchen freuen kann.

„Es geht darum, eine Freundschaft unter den Menschen aufzubauen.“

Irvin Mujcic

Eine Dorfbewohnerin beim Servieren eines traditionellen Getränks (Foto: Irvin Mujcic)

Einmal hat Irvin sich mit einer Wandergruppe spontan zu einem alten Dorfbewohner gesellt, der jeden Abend im Sommer draußen mit seinen Pferden übernachtet. Also saßen sie eines Abends gemeinsam mit dem alten Mann am Lagerfeuer, übernachteten zwischen seinen Pferden unterm Sternenhimmel und hörten seinen lustigen Anekdoten und Weisheiten zu.

Das Pferd eines Dorfbewohners (Fotot: Irvin Mujcic)

Irvin fungiert oft als Dolmetscher zwischen den Tourist*innen und den Einheimischen. Ein Erlebnis mit einem Touristen, der mehrere Wochen zu Besuch war, hat allerdings bewiesen, dass die Sprachbarriere überhaupt kein Hindernis für einen gelungen Austausch zwischen Einheimischen und Tourist*innen ist. Als Irvin für einen Job in ein anderes Dorf fuhr, lies er den Touristen im Dorf zurück.

„Als ich zurückkehrte,  traf ich auf zwei lachende Männer, die in einem intensiven Kartenspiel vertieft waren und jeweils in ihrer eigenen Sprache fluchten.“

Irvin Mujcic

Die Verständigung gelang also, obwohl der Tourist kein Bosnisch verstand und der Dorfbewohner kein Wort Englisch sprach.
 
Solche Momente zeigen, dass die Offenheit gegenüber Menschen unterschiedlicher Herkunft und eine Begegnung auf Augenhöhe zu einem friedlichen Beisammenleben führt.