Ecuador – auf der Schokoladenseite des Tourismus

FAIReise mit uns – in 30 Tagen um die Welt!
Auf der Suche nach mehr Nachhaltigkeit im Tourismus begeben wir uns in diesem Jahr auf eine virtuelle Reise um die Welt. Auf allen 5 Kontinenten werden wir Halt machen und euch ein lokales Projekt vorstellen.
Und es geht schon los! Unsere erste Station ist Ecuador.

Unsere Themen

Ecuador, wo genau liegt das denn nochmal?

Im Westen von Südamerika direkt am Äquator – das erklärt auch die Herkunft des Namens. Ecuador erstreckt sich von der Küstenebene am Pazifischen Ozean über die Anden mit 6000er-Bergen bis hin zum Amazonas-Regenwald im Osten des Landes – und zeichnet sich durch eine der vielfältigsten Naturlandschaften weltweit aus. Neben zahlreichen Sprachen der indigenen Einwohner*innen spricht man dort hauptsächlich Spanisch.

Kakao und Tourismus

Das Projekt Wiñak, das wir euch heute vorstellen möchten, liegt in der Provinz Napo im Amazonasgebiet. Hier kämpfte die indigene Bevölkerung – die Kichwa – besonders in den 1980er- und 1990er-Jahren um mehr Rechte für die Nutzung ihres Landes. Das Wiñak-Projekt wurde im Jahre 2010 aus einem Zusammenschluss von Kleinbäuer*innen gestartet.

Fredy demonstriert eine geöffnete Kakaofrucht (Foto: Kerstin Dohnal)

Fredy, Unternehmensbeauftragter für Bananen- und Maniokanbau, erläutert uns das Ziel von Winak:

„Gemeinschaftsarbeit mit der Vision, assoziative Initiativen zu generieren, die im Laufe der Zeit nachhaltig sind. Jetzt ist uns also Wiñak gelungen und wir sehen, dass wir mit Initiativen und vor allem mit Unterstützung und Nutzung lokaler Kapazitäten bereits sichere Schritte gehen.”

Somit können die eigenen Interessen der Kleinbäuer*innen im Kakaoanbau vertreten werden. Der Name “Wiñak” ist ein Kichwa-Wort und bedeutet „Entwicklung – Wachstum – Fortschritt”. Alle Wiñak-Produkte sind bereits seit 2017 biozertifiziert.

Doch die Initiative Wiñak will mehr, nämlich den Gästen in der Region und darüber hinaus zeigen, wie der Kakao für ihre Schokolade wächst und verarbeitet wird. Gemeinsam mit Expert*innen von „destination:development – Internationales Institut für verantwortungsvollen Tourismus“ wurde das Projekt um ein touristisches Angebot erweitert, den Schokoladen-Rundweg.

Tourist*innenführung auf dem Weg zur Gemeinde Kilómetro 12 (Foto: Kerstin Dohnal)

In Kooperation mit den umliegenden Kommunen finden Touren für Tourist*innen statt, bei denen den Gästen der Kakaoanbau, die Vermarktung und die identitäre Besonderheit der Amazonas-Kleinbäuer*innen nähergebracht wird. So kann die Initiative ihre Arbeit und ihr Projekt zeigen und nebenbei ein zusätzliches Einkommen durch die Tourist*innen lukrieren. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten!

Eine kurze Projektbeschreibung und die ersten Eindrücke von destination:development findet ihr hier:
https://www.destination-development.org/der-winak-schokoladenrundweg/
https://youtu.be/jgoyUzoLF6g

Wie entwickelt sich eine Kakaoplantage zu einer Tourismusdestination?

Die Idee, Wiñak um ein Standbein zu erweitern und Menschen aus aller Welt ihre Arbeit zu zeigen, hatten die Mitarbeitenden schon lange. In Kooperation mit „destination:development – Internationales Institut für verantwortungsvollen Tourismus“ aus Wien, wurde schließlich der Grundstein für den Weg dorthin gelegt.

Gemeinsames Erarbeiten des Tourismuskonzepts (Foto: Kerstin Dohnal)

Fredy beschreibt den Prozess folgendermaßen:

„Die Arbeit, die mit Wiñak und mit Ihnen (Anm.: Expert*innen) geleistet wurde, war sehr fruchtbar. Denn wir als Wiñak haben die Initiative gestartet, im Tourismus zu arbeiten, aber nicht mit einer sehr tief gehenden Analyse, wie wir es mit Ihnen schließlich getan haben. Anforderungen und Bedürfnisse sichtbar zu machen, zu sehen, wie man zum Beispiel in der Gemeinschaft und auf das Wohl der Menschen Einfluss hat, fördert und ermutigt.“

In gemeinsamen Standortanalysen wurden Kriterien für die Entwicklung des Projekts erarbeitet, die Orientierung bieten. So wurde aus der Landwirtschaft ein Ort der interkulturellen Begegnung mit Lerneffekt. Neben den geführten Touren über die Kakaofelder bieten die umliegenden Gemeinden weitere touristische Attraktionen wie zum Beispiel die Besichtigung einer typischen Kichwa-Finca an.

Entwicklung der Kriterien für den Tourismusstandort (Foto: Kerstin Dohnal)

Im Gespräch mit Marco

Marco (Quelle: Kerstin Dohnal)

Marco beschreibt uns im gemeinsamen Gespräch seine Tätigkeiten: Er kümmert sich als Feldtechniker bei Wiñak unter anderem um die Nachernte und ist damit für die gesamte Rückverfolgung verantwortlich – von der Qualitätskontrolle über die Chargenkontrolle bis hin zur Lieferung an Kund*innen weltweit. Daneben arbeitet er im Bereich der Bio-Zertifizierung von Kakao und Guayusa mit. Eine wichtige Aufgabe ist auch, den Überblick über die organisatorischen Abläufe zu behalten – schließlich arbeiten Bäuerinnen und Bauern in 36 Gemeinden mit Wiñak zusammen. Marco betont die Bedeutung des Tourismus bei Wiñak: Er bietet eine Alternative zur klassischen Kakao-Produktion und eröffnet den Gemeinden eine zweite Einkommensquelle. Und gleichzeitig ist die Initiative auch ein Vorbild für einen nachhaltigen Tourismus.

„Wiñak demonstriert, dass Kakao- und Schokoladenproduktion sowie Tourismus, kommerzieller Tourismus bzw. Abenteuertourismus, sich annähern können, um das Beste aus den attraktiven Orten zu machen, die die Bauern haben.”

Wenn man als Besucher*in die Arbeitsweise von Wiñak kennenlernen möchte, stößt man auf offene Türen. Dies ermöglicht Begegnungen zwischen den Einheimischen und Tourist*innen, die für beide Seite befruchtend sind.
Und darauf freut die sich das Team von Wiñak! Marco sagt:

“Nun, ich lade alle […] ein, die Landschaft, die Natur, die Flora und Fauna, die Wiñak umgibt, und die 36 Gemeinden, die an Wiñak beteiligt sind, sowie die Arbeit von Wiñak selbst, die in unserem Kanton und in der Provinz Napo geleistet wird, kennenzulernen. Sie sind bei uns herzlich willkommen! Wiñak steht allen Besucher*innen immer offen. Lassen Sie uns Wissen und Erfahrungen austauschen, um gemeinsam zu arbeiten und voranzukommen.”


Das Interview mit ihm könnt ihr euch hier ansehen: https://youtu.be/bOKHjASYgRM

Sistema de la Chakra – Anbaumethode mit Tradition

Das traditionelle Chakra-System der Kichwas (Foto: Kerstin Dohnal)

Wie genau funktioniert hier der Anbau von Kakao? Die indigene Bevölkerung, die Kichwas, baut ihre Produkte nach dem „Sistema de la Chakra“ an. Dieses Produktionssystem hat hier schon lange Tradition.
Auf einem Feld wird nebeneinander eine große Anzahl verschiedener Bäume und Pflanzen gesetzt – was auf den ersten Blick etwas durcheinander aussieht, hat durchaus System. In erster Linie werden Kakao, Wayusa (Stechpalmenart zur Teeherstellung) und Bananen angebaut. Die Chakra-Felder haben zudem eine wichtige Funktion als eine Art Pufferzone zwischen dem Amazonas-Schwemmgebiet und der nächstgelegen Stadt. Diese umweltfreundliche Anbaumethode bewahrt nicht nur die biologische Vielfalt, sondern auch die kulturellen Traditionen der Kichwas.

Bewirtschaftung der Chakren (Foto: Kerstin Dohnal)


Entwickelt hat sich das „Sistema de la Chakra“ daraus, dass jede Kichwa-Familie angebaut hat, was sie für ihren Lebensunterhalt braucht. Heute arbeiten hauptsächlich Frauen in der Chakra und haben so einen nachhaltigen, gesicherten Job.

Frucht und Blüte der Guayusa (Foto: Kerstin Dohnal)

Fairness wird groß geschrieben

Bei Wiñak werden menschenwürdige Arbeit und faire Verteilung des Einkommens großgeschrieben. Soziale Arbeitsstandards und adäquate Löhne sind selbstverständlich, die lokale Wirtschaftsstruktur kann erweitert und gestärkt werden, auch durch die Zusammenarbeit mit den umliegenden Kommunen, den sogenannten „socios“.

Fredy sagt dazu:

“Und auf diese Weise helfen wir Menschen, denen, die wirklich auf dem Feld arbeiten, denen, die Tourismusangebote haben – ihnen wollen wir helfen. Der Wiñak-Schokoladenrundweg ist eine Möglichkeit, Initiativen zu ergreifen, um Hilfe für Kakaobauern zu generieren […]”

Wiñak möchte dabei unterstützen, die Grundbedürfnisse aller zu stillen, wobei vor allem Bildung und Gesundheit im Fokus stehen. Gleichzeitig wird die lokale Produktion im Kanton Archidona unterstützt und gefördert, damit sie auf dem internationalen Markt wettbewerbsfähig ist. Und der Stolz der Kichwas auf ihre biologische Produktion vor Ort ist nicht zu übersehen.

Ausgewählte Bio-Produkte von Wiñak (Foto: Kerstin Dohnal)


Grundsätzlich ist das Ziel, ein gutes Gleichgewicht zwischen Produktion und kommerziellem Verkauf sowie Tourismus herzustellen, das dann am Ende in einen Vorteil für alle Beteiligten mündet.

Alle Interviews mit Marcos, Mario und Fredy könnt ihr hier in voller Länge ansehen:
Marco: https://youtu.be/bOKHjASYgRM
Mario: https://youtu.be/hZXusrRQ1Vw
Fredy: https://youtu.be/uxcmWSlqnfI

Frauenpower

Bei Winak arbeiten mehr Frauen als Männer, genauer gesagt 66% Frauen und 34% Männer. Die meisten Frauen kümmern sich um die Chakra, also den traditionellen Anbau, den wir weiter oben schon beschrieben haben. Sie haben damit eine verantwortungsvolle Rolle inne.

Flor (Quelle: Kerstin Dohnal)

Unsere Interviewpartnerin Flor ist stolz darauf:
„Ja, mit der Gleichberechtigung ist alles super entspannt, weil die Kollegen mich auch respektieren. Wir arbeiten im Team, als Frau habe ich bis zum Schluss dafür gekämpft.”

Das Gespräch mit Flor in voller Länge findet ihr hier: https://youtu.be/LkO58261lGk

Gemeinsam zum Erfolg (Foto: Kerstin Dohnal)

Die Schattenseiten des Kakaoanbaus

Kakao hat sehr spezielle Standortansprüche und kann somit nicht überall wachsen. Die Kakaopflanze benötigt feuchte, warme und halbschattige Standorte und wird daher hauptsächlich in Südamerika, Afrika und Teilen Indonesiens angebaut. Und das hauptsächlich in Monokulturen. Dafür werden große Flächen an Regenwald gerodet. Dazu kommt ein erheblicher Einsatz an Pestiziden und Dünger, um Schädlingsbefall zu vermeiden und hohe Erträge zu erzielen.
Neben den ökologischen Herausforderungen kommen sozio-ökonomische Probleme hinzu, die nicht minder schwierig sind.

Die Kakaobäuer*innen sind stark von ihrer Ernte als meist einzige Einkommensquelle abhängig. Da der Weltmarktpreis für Kakaobohnen stark schwankt, haben auch die Arbeitnehmer*innen oft kein regelmäßiges Einkommen. In der Wertschöpfungskette erhalten die Bäuerinnen und Bauern nur einen minimalen Anteil vom erwirtschafteten Geld. Das meiste fließt in die Verarbeitung, Produktion und den Einzelhandel. Auch zu kleine Anbauflächen und unsichere Landrechte und Pachtverträge tragen zu teils extremer Armut der Bäuerinnen und Bauern bei.
Nicht selten arbeiten auch Kinder in der Kakaoproduktion mit. Die Arbeit ist hart – und die Kinder haben nicht die Möglichkeit, die Schule zu besuchen.

Um diese Menschenrechtsverletzungen nicht weiter zu fördern, gibt es mittlerweile zahlreiche Initiativen, die auf eine faire Produktion und die Rückverfolgbarkeit der Produktionskette setzen. Etwa die „International Cocoa Initiative“, die „Initiative für nachhaltigen Handel“ oder „Fair trade“.

Weiterführende Informationen: https://cocoabarometer.org/